Hallo Ihr Lieben,
Nach langer Pause melde ich mich nun endlich nochmal. Es ist ein weiterer Monat vergangen und ich hab mich hier mindestens so schnell an die neue Umgebung, Arbeit und an die Leute gewöhnt, wie zuvor in Medellín.
Bevor ich anfange zu erzählen: Hier regnet es seit nem Monat so viel und oft so stark, dass viele Dörfer grade im ländlichen Berich von starken Überschwemmungen betroffen sind. Die Leute die am wenigsten haben trifft es in der Regel am schwersten, weil ihre Hütten nix aushalten. Die Strassen sind unpassierbar und es gibt Municipios die von jeglicher Versorgung abgeschnitten sind. (Link mit Video: http://link.brightcove.com/services/link/bcpid2436396001/bctid2476088001 )
Jetzt zu mir: Ich arbeite mit zwei Kollegen, in einem Projekt, das sich Proniño nennt und von einer Telefongesellschaft unterstützt wird. Wir als Organisation bekommen also Gelder, um mit Jugendlichen und Kindern im Alter von 6-14 Jahren, die zur Schule gehen, aber auch arbeiten müssen zu “arbeiten”. Wir organisieren Workshops, Ausflüge usw. Die Eltern warden auch integriert, da die Kinder oft mit Ihren Eltern arbeiten: Gemüse auf der Strasse verkaufen, Süssigkeiten in Bussen, im Supermarkt arbeiten usw. Im letzten Monat haben wir ziemlich viel unternommen. Wir kümmern uns ungefähr um 90 Kinder, das heisst die Ausflüge sind mit drei Betreuern besonders anstrengend. Bis jetzt haben wir die Stadtbibliothek besucht, waren in einem Naturpark, in einem Sportpark mit Freibad, haben Gipsmasken gemacht und und und. Übrigens fragt hier keiner nach der Anzahl von Betreuern oder Rettungschwimmerscheinen, wenn wir mit 140 Kindern 20 Eltern und 3 Betreuern ins Freibad gehen….
Die Arbeit macht Spass, auch wenn es manchmal anstrengend ist mit so vielen Kindern gleichzeitig. Ich bin wenn man so will ein Star, weil aus Deutschland usw. Die Kinder hängen (wortwörtlich) an mir und alle kennen meinen Namen. Das mit den Namen andersrum fällt mir wesentlich schwerer. Von 90 kann ich vllt. 10 . Neben den Workshops und Ausflügen gibt es Büroarbeit…wir müssen genaustens nachweisen Was wofür ausgegeben wird und alle Pläne Ideen und Objektive warden vorher erarbeitet, gespeichert und mit den verantwortlichen Abgesprochen. Die letzten Wochen habe ich Samstags und 2 mal Sonntags gearbeitet…aber dafür gibts bald Urlaub ;)
Ich wohne immernoch bei der Familie, die Zimmer vermietet und brauche mim Bus 15 min. zur Arbeit. Ab Februar werde ich wenns klappt mit 2 Kollegen und Freunden zusammenziehen. Dann näher an die Arbeit. Ausserdem nervt mich die eine schimmelige Wand inzwischen und das mein Fenster nicht nach draussen, sondern in den Wohnbereich führt. Aber an sonsten fühl ich mich wohl. 2 Kinder der Señora und 2 weitere, die hier so halb wohnen, weil sich ihre Mutter nicht um sie kümmert nehme ich seit 2 Wochen ab und zu mit, wenn wir Ausflüge oder Workshops mit den anderen Kindern machen. Immer mehr bekomme ich einen Einblick, wer zu wem gehört usw. Ausserdem habe ich festgestellt und auch erzählt bekommen, dass Leonardo (der eigentlich nicht Sohn, sondern Enkel der Señora ist), nicht lesen und schreiben kann, geschweigedenn die Wochentage kennt. Das ist mit 10 Jahren schon ziemlich traurig, liegt aber meines erachtens an einem Aufmerksamkeitsdefizit und vllt. Einem psychol. Problem. Neben den Dingen hier im Haus bekomme ich natürlich auch viel von den Kindern des Projektes mit. Viele der Kinder arbeiten, um etwas zum Lebensunterhalt der Familie bei zu steuern. Alle kommen aus armen Verhältnissen und viele haben keine Väter/Eltern oder sind desplazados (Inlandsvertriebene). Beindruckend wie sich Kinder zum Beispiel 2 Wochen im Vorraus derart auf einen Schwimmbadbesuch freuen können. Natürlich ist der Umgang der Kinder untereinander auch anders, als ich es gewöhnt bin/war und auf Spanisch zu erklären, warum man die anderen Kinder weder schlagen, noch mit Steinen bewerfen soll fällt mir manchmal schwer...
Mit Medellín und den Leuten des Red Juvenils habe ich nach wie vor Kontakt. Die Arbeit hier ist nicht so polititsch und hat einen weniger kritischen Hintergrund (auch gegenüber dem Staat). Das fehlt mir einerseits, weil ich im Red in kurzer Zeit viel über politische Strukturen und Situation der verschiedenen Menschen hier gelernt habe doch andererseits ist das auch genau der Grund, warum Ich dort na¿icht bleiben konnte. Die Situation grade für Ausländer hier ist schwer. Ich habe von einem Deutschen, der im Norden des Landes gearbeitet erfahren, dass er nach Deutschland zurück muss, da er in der Öffentlichkeit das Militär der Stadt kritisiert hat. Eine deutsche wurde festgenommen und ausgewiesen, weil sie die friedlichen Indigena Proteste im Cauca unterstützt hat. 2 Französische Fotografen wurden rausgeschmissen, da sie über die streikenden Zuckerrohrarbeiter berichten wollten. Das Fernsehen hier berichtet weder ausführlich und ehrlich über die Aufstände, noch über die Ausweisungen. Jegliche Aufstände und Unruhen werden direkt mit den Farc in verbindung gesetzt, sodass direkt ein Feinbild und eine Rechtfertigung geschaffen wird, mit Gewalt gegen die Gruppen vorzugehen. Die Verwicklungen vom Militär in Hinrichtungen und Entführungen wird somit voin niemandem Wahrgenommen.
Da fällt mir spontan was zu ein: Vorigen Sonntag war ich mit Daniel (Frend und Kollege) in der Stadt. Ausserdem sein Bruder und nen anderer Freund und 2 deutsche Freiwillige (Mädels), die hier in der Nähe arbeiten. In der Fussgängerzone liefen Soldaten rum, die die „libretas“ der Jugens kontrolliert haben. Ohne diese Karte, die man nach dem Militärdienst bekommt, nehmen die einen einfach mit, wenn man das entsprechende Alter hat. Daniel hat keinen Dienst geleistet und keine Libreta, sie zu kaufen (was auch geht) ist zu teuer. Also standen wir da und dank der Ausländischen Begleitung konnten die nicht viel machen. Ich hab auf gebrochenem Spanisch erklärt, das wir vier (Ich die 2 Mädels und Daniel) aus deutschland kämen und er seinen Pass nicht dabei hat. Gab keine Probleme, aber ich will nicht wissen was passiert, wenn die einen alleine und nicht grade in der belebten Fussgängerzone ansprechen.
Naja neben diesen Eindrücken fallen mir ab und zu noch die Sachen auf, die eigentlich sehr eigenartig für uns sind, aber für mich immer normaler werden...
Einen Abend wollte ich mit dem Taxi in das barrio fahren, wo ich arbeite und 2 Taxis wollten mich nicht mitnehmen, aus dem Grund, dass es keine befestigten Strassen dort gibt und sie sich ihre (Schrott-)Taxis nicht ruinieren wollen.
Ich sitze im Taxi und warte auf Daniel, da läuft ein Hund mit einem Kuhschädel an mir vorbei. Setzt sich in der Nähe hin, nagt an dem Schädel bzw. Den Fleischresten und geht dann weg. Der Kuhschädel liegt auf dem Bürgersteig und es interessiert keinen.
Die Leute transportieren alles mit Motorrädern und Fahrrädern was geht (Fenster, 3-4 Personen, Stühle etc....der Grossteil der Autos sind Taxis
Die Familien aus denen die Kinder kommen leben in so beengten Verhältnissen, dass sie kaum Privatsphäre haben. 2-4 Zimmer für Familien, die im Schnitt 4 Kinder haben. Die Wände sind von Innen nur selten verputzt und oft haben die Zimmer keine Türen...Die Leute, die als Schreiner, Bäcker, etc. arbeiten haben ihre Werkstatt dann auch noch im selben Haus. Minimalverhältnisse, aber beste Arbeitsergebnisse
Für alle die mehr über politische Hintergründe wissen wollen schaut rechts bei den Links der Uni rein. Da steht sehr viel Interessantes drin zum Beispiel über die aktuellen Unruhen aufgrund des Zerplatzens von unseriösen „Geldverleihfirmen“ (Piramides). Oder über die Verstrickungen von Regierung, Militär etc. In allerlei Schweinereien.
Donnerstag, 4. Dezember 2008
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