Mittwoch, 20. Mai 2009

Besuch aus Aachen

11.+12.05.2009
Nach 24 h Auto, Flieger, Bus und Taxi sind wir wohlbehalten und müde in Ibague angekommen. Die 7 Stunden Zeitverschiebung geben uns die Zeit zum Ausschlafen in Lukas gemütlichem Bett unter Moskitonetz. Am kommenden Tag machen wir uns nach spätem Frühstück und Geschenke auspacken auf, um Lukas Wirkungsstätte und die Leute von Concern International kennen zu lernen.
Die Mitarbeiter heissen uns herzlich Willkommen und es begegnet uns ein buntes Treiben mit vielen Kindern, die dort im Kindergarten sind oder in der Hausaufgabenbetreung. Die Anlage mit den bunten Gebäuden wirkt freundlich, wenngleich die Gruppenräume der Kinder klein sind, wenige Fenster haben und der Betonboden kalt wirkt. Umso beeindruckender, dass alles mit viel Freundlichkeit, Gelassenheit und Ordnung einhergeht.
Das Aussengelände ist steil am Hang mit unterschiedlichsten heimischen Pflanzen und auf dem ‘Friedenspfad´, der durch das Gelände fuehrt stehen wir plötzlich wie verpflanzt unter einer Bananenstaude – siehe Foto.
Den Tag über verbringen wir in der Organisation und im Viertel und Abends gibt´s den ersten Unterricht Spanisch-Deutsch mit einigen Kollegen , die ihre ersten Gehversuche mit Deutsch machen, so wie wir mit Spanisch.

13.05
Man gewöhnt sich schnell an die hiesigen Lebensbedingungen, die Hitze, das Essen, eine andere Dynamik des Tages und die Freundlichkeit der Menschen. Unser geplanter Ausflug in die „Tatacoa Wüste“ startet um vier Uhr morgens mit Maris, die Freundin von Luis und Don Daniel alles Mitbewohner in Lukas´ WG. Das Taxi, ein mehr oder weniger geländetauglicher Hyunday-Alto von Don Daniel...sportlich gefahren, bringt uns übers Land, nach dreistündiger Fahrt ins letzte Dorf vor der „Wüste“. Mit einer einheimischen Führerin im Taxi fahren wir über die Schotterpiste zum Ausgangspunkt unserer kleinen Wanderung, in einer Landschaft, die vormals ein Salzsee war. Durch Erosionen ist ein hügeliges Labyrinth aus trockenem Lehmboden entstanden, das durch zahlreiche Kakteen und spärliche Bäumchen grüner ist, als das Wort Wüste vermuten lässt. Wie Stalagmieten stehen Türme aus Lehm und Stein an den Stellen, an denen die Erde härter ist, als in der Umgebung, am Kopf geschmückt mit grünen Kakteen. Eine Kakteensorte wird Kopf der Schwiegermutter genannt, nicht schmeichelhaft, aber sie tragen kleine Pink-farbene Früchte, die sehr lecker sind.
Viele Einheimische kennen die Schönheiten des Landes nicht, die wir schon am zweiten Tag kennen lernen durften.
Danach geht es zum obligatorischen Mittagessen nach Neiva in einem Restaurant.
Unser weiterer Weg fuehrt uns zu Thermalquellen ´´Rivera´´ zum Erfrischen und Ausruhen, eine heisse und eine kalte Quelle für kranke und gesunde Glieder alles rustikal und spartanisch, wie ein kleines Freibad ohne Liegewiese. Witzig ist das Hinweisschild: ´´nicht in die Umkleidekabine pinkeln´´, ansonsten gibt es hier viel weniger Schilder als bei uns.
Nach vier Stunden Autofahrt mit kurzen Tankpausen für das kleine doch sehr geschundene Auto kommen wir voller Eindruecke und gut durchgeschuettelt ´´Zu Hause´´ an. Als gute Nachttrunk gibts kalte Cerveza, auch um 23 Uhr noch in einem der vielen kleinen Lädchen um die Ecke zu kaufen – muy rico.

14.05
Nach erneutem Spätstück und Auskurieren der Reisestrapazen nutzen wir den Tag, um ein wenig mehr in das Geschehen im Viertel und der Organisation einzusteigen. Mittags in Lukas „Stammrestaurant“ lernen wir Kochbanane („Platano“) und weitere kolumbianische Spezialitäten kennen, besonders die frischen „Jugos“, Fruchtsäfte, die aus verschiedenen frischen Früchten, Wasser und Zucker zubereitet werden. Im Nachmittag geht es mit ca. 25 Kindern aus der Freizeitbetreuung auf den hinterm Viertel liegenden „Berg“, Privatgelände auf dem viele Obstbäume stehen. Egal ob Sandale, Gummilatsche, oder Turnschuhe, alle Kinder kommen trotz Schlamm und Steigung wohlbehalten rauf und wieder runter. Viel Spass nicht nur für die Kinder, sondern auch für die freiwilligen Betreuer und natürlich uns (siehe Fotos). Im frühen Abend haben wir eine weitere Deutsch-Spanischkunde mit Possesivpronomen („Besitzanzeigende Fürwörter) und jede Menge Wortsalat.

15.05
Mit dem Taxi in die Stadt, vorbei an den vielen „Wohnzimmern“, will heissen, dass Arbeiten und Wohnen in ein und dem selben Haus stattfindet. Auch der Bürgersteig vorm Haus wird mitbenuzt. Ob es ein Internetcafé, Milchverkauf, Autowerkstatt, Handyminutenverkauf, ne Bäckerei oder O-Saftstand ist, alles ist im und um die Wohnung herum organisiert und improvisiert. Der Schreiner lackiert auf der Strasse der Motor wird am Strassenrand gewechselt. Dazu kommen die zahlreichen Mobilen Verkäufer, die schon früh morgens mit fritierten Teigtaschen, Gemüse, Obst und ähnlichem auf Fahrrad, Motorrad oder zu Fuss durch die Viertel ziehen.
Trotz der 500.000 Einwohner ist das Stadtzentrum überschaubar und architektonisch grösstenteils unatraktiv, ein gemischtes Chaos verschiedener Baustile, alte Gebäude mit klassisch offenem Innenhof neben alten Kirchen und Hochhäusern mit Betonfassaden. Dazwischen improvisierte Verkaufsstände aus Stein, Holz, Bambus, Plastikfolie und Blech. Viel interessanter sind die unterschiedlichsten Menschen, die vielen Farben und das Treiben und die Verkäufe auf offener Strasse. Hinzu kommen normale Läden, die westlicher anmuten und eher Leuten mit „etwas mehr“ Geld zur Verfügung stehen. Zum Mittag kehren wir in ein gutes Restaurant im Zentrum ein und sind erstaunt, dass Kind und Kegel das grosse Restaurant bis auf den letzten Platz füllen. Die Leute, die genug Geld für Essen haben (aber nicht reich sind) gehen regelmässig zum Mittagessen ins Restaurant, was im Verhältniss zum Wert der Lebensmittel nur unwesentlich teurer ist (aufgrund der niedrigen Löhne des Personals).
Am Nachmittag verarbeiten wir die Eindrücke und erholen uns von dem schwülwarmen Wetter. Die immerkalte Dusche tut gut. Zum Abendessen sind wir bei Daniels Familie (ehemaliger Mitarbeiter und Freund von Lukas) eingeladen. Es gibt köstliche Arepas mit Käsefüllung: Maisbrote, die gebraten, fritiert oder gebacken werden.

16.05
Rechtzzeitig aufgestanden und ausgeruht machen wir drei uns mit Rubén, ein Kollege von Lukas auf den Weg in zwei Barrios in denen Concern verschiedene Projekte und Jugend-, Frauen- und Seniorengruppen betreut. Dank der Nähe Concerns zu den Familien haben wir die Möglichkeit einen sehr autentischen Eindruck von den Lebens- und Arbeitsumständen in den beiden Vierteln zu bekommen. Beide Stadtviertel sind fast ausschliesslich von Desplazados bewohnt. Dies sind Personen, die ihres Landes enteignet und vertrieben wurden, meist durch bewaffnete Gruppen (in der Regel NICHT durch die Guerilla, sondern durch Paramilitärs). Hinter den Vertreibungen stecken meist wirtschaftliche oder private Interessen, z.B Ausbeutung von Bodenschätzen durch Grossfirmen. Eine Gruppe von Vertriebenen hat sich so vor 10 Jahren in Ibagué vereinigt, um sich illegal in eben diesem Teil Ibagués niederzulassen, da sie vorher meist verstreut in verschiedensten Stadtteilen gelebt haben. Inzwischen ist das Gebiet auch durch Hilfe internationaler NGO´s , wie Concern, anerkannt und es leben ca. 400 Familien in den beiden Vierteln. Die Verpflichtungen des Staates, den Familien einen adäquaten Ersatz für ihren Verlust (Haus, Land) zu geben wurde durch den Druck der Menschen und der Hilfe der Organisationen eingefordert. Der Grossteil der Personen hat daraufhin zumindest ein Haus mit Strom und Wasser vom Staat erhalten, wenngleich die Entschädigung nicht den wirtschaftlichen und sozialen Verlusten entspricht, den die Familien erlitten haben. In ganz Kolumbien gibt es ca. 4 Mio Inlandsvertriebene, fast 10% der Gesamtbevölkerung. Kolumbien ist somit auf Platz zwei hinter dem Sudan.
Concern koordiniert nicht nur zwei Hilfsgüterprogramme für diese Bevölkerung, sondern leitet die verschiedenen Gruppen, bildet deren Führungspersonen weiter und unterstützt konkrete Projekte von Kleinunternehmen. So konnten wir drei Mini-Unternehmen kennen lernen, die eine Startfinanzierung durch Concern und die Kirche erhalten haben: 6 Frauen, die eine Schusterei zur Herstellung von Frauenschuhen betreiben, eine Kunstgewerbe-Werkstatt und eine Fahrradwerkstatt. An dieser Stelle zeigt sich durch viel Eigeninitiative und Hilfe, dass obwohl die Situation der Familien oft sehr aussichtslos scheint, eine Verbesserung der Umstände möglich ist. Wir nehmen viele bewegende Bilder von diesen Begegnungen mit und fühlen uns danach in Lukas zuerst bescheiden wirkenden Haus luxuriös eingerichtet.
Der nächtliche Partyausflug mit Salsa, Merengue und Vallenato in Begleitung von Lukas und einigen kolumbianischen Freunden ist ein starkes Kontrastprogramm, so wie dieses Land von extremen Gegensätzen geprägt ist. (Leider ohne Bilder)

17.05
Autoausflug! Das heisst 15 Stunden Kolumbien pur, 350 km bergauf-bergab, bis auf 3200Meter hoch, durch die Zentralkordillere, vorbei an Kaffeeplantagen, Bananen, Bambus und Palmen. Auf der einzigen Ost-West Verbindungstrasse werden wir von stinkenden LKW, aller Alters- und Grössenkategorien begleitet. Am Wegesrand werden in Holzhütten neue Bremsen verkauft, LKW gewaschen, Essen angeboten und vieles mehr. Man kann kaum auf Fotos festhalten, was in der kurzen Zeit an Eindrücken vorbeirauscht. Nach einem Stop auf einer Kaffee-Farm wissen wir, dass die Frucht rot und die Bohne weiss statt braun ist. Die Städte, die wir auf dem Weg kennenlernen erzählen mehr von Kolonial-Geschichte als Ibagué, auch wenn die Hochhäuser und Armenviertel ein ähnliches Bild liefern. Besonders beeindruckend ist die Kirche von Pereira, in neugotischem Stil, mit einem Dachstuhl aus Holz. Leider kommen wir erst im dunkeln durch Amero, eine Stadt die 1985 nach einem Vulkanausbruch von einer Schlammlawine weggespült wurde. Kollege und Reiseführer Rubén, der mit seiner Familie das Unglück überlebt hat, schildert bewegt weitere Details. Von den ehemals 28000 Einwohnern haben etwa 5000 das Unglück überlebt. Die Stadt wurde nie wieder aufgebaut. Übrig geblieben sind einige Ruinen, die an die Katastrophe erinnern sollen. Für Concern Universal (England) entstand daraus das erste Hilfsprojekt in Kolumbien und der Anstoss zur Gründung einer Niederlassung in Ibagué. Mit steifem Nacken und eingeschlafenen Beinen sind wir spät wieder in Ibagué.

18.05
Ruhetag: Ausschlafen, gemütlich frühstücken, Obstkunde, Internetcafé, Verabschiedung, rüsten für die nächtliche Fahrt nach Medellín.

Hier zu den Fotos: