Mittwoch, 10. September 2008

10.09.08

Hola

Die Vierte Woche hat begonnen und geht schon wieder aufs Wochenende zu. Inzwischen hab ich natürlich wieder viel gemacht und erlebt, sodass ich leider nicht alles Berichten kann.

Ich bewege mich inzwischen relativ selbständig in dem mir möglichen Rahmen. Die Stadt ist so groß, dass sich auch die Medelliner in der Regel nur da richtig auskennen, wo sie wohnen. Ich wohne sehr nah am Zentrum, kann es zu Fuß erreichen und hab dort auch schon einen Überblick wo ich gerade bin. Taxifahren ist alleine schwer, denn die Fahrer wissen meistens auch nur ungefähr wo die Straße ist zu der man will, sodass man in der Regel dirigieren muss. Das Straßensystem ist so aufgebaut, dass fast alle Straßen Einbahnstraßen sind und sich in der Richtung abwechseln.

Auffallend ist, dass in der Stadt eine sehr Hohe Polizeipräsenz ist. Außerdem gibt es leider sehr viele arme Leute. Einschließen muss man nicht nur diejenigen, die gar nichts haben und in einer Ecke oder einfach auf der Straße liegen, denn es gibt auch sehr viele Leute, die in Bussen, auf der Straße, in Kneipen, Süßigkeiten, Schmuck, Obst, Kappen, Lotteriescheine verkaufen, um sich über Wasser zu halten. Dazu kommt, dass ich bis jetzt noch nicht in Stadtteilen und Randbezirken gewesen bin, in denen z.B. Vertriebene aus anderen Regionen leben. Ca. 200 000 Einwohner hier haben keinen Wasser- und Stromanschluss, weil sie es schlichtweg nicht zahlen können...Da fällt es mir schon schwer morgens kalt zu duschen und per Hand zu waschen...und selbst das ist nicht selbstverständlich.

Aus dem Grund macht das Jugendnetzwerk z.B. eine „Kampagne“ mit dem Aufruf, dass alle ein Recht auf Wasser und Strom haben.Auch darüber hinaus ist das Red sehr aktiv. Sonntag vergangene Woche war ein großer Basar für Kinder und Jugendliche im botanischen Garten. Es gab verschiedene Bühnen mit Musik und zahlreiche Stationen an denen Kinder ihre Kreativität austesten konnten u.a.

Auch das Red hat sich mit einem Stand, an dem die Kinder Kronen bemalen konnten beteiligt und des weiteren mit einem Infostand mit Trommelrhythmen. Vergangenes Wochenende hab ich von Samstag auf Sonntag an einem Workshop teilgenommen, den die Gruppe „Promocion“ des Red vorbereitet hatte. Sehr interessant! Denn ich habe selber, so wie etwa weitere 14 Jugendlichen (zwischen 17-19) aus verschiedenen Stadtteilgruppen teilgenommen. Am Samstag haben wir nach einer Vorstellungsrunde mit Rollenspielen begonnen, die gezeigt haben, dass sich in einer Gruppe schnell Autoritäten bilden, bzw. Leute die eher den Ton angeben. Kleine politische Planspiele und ein blinder Parkour zur Vertrauensförderung waren auch Programm. Denn Sonntag haben wir dann mit einer Auswertung begonnen und uns zu verschiedenen Fragen rund um den Umgang mit Gewalt im Raum positioniert (Was ist noviolencia/violencia etc.). Im Wesentlichen geht es darum den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie sich ihrer Entscheidungen bewusst werden, also um Persönlichkeitsstärkung.

Vor diesem Hintergrund finden auch Aktionen statt, die gegen die Wehrpflicht für Jungen geht. Kurz bevor sie die Schule beenden kommt das Militär in die Schulen, um die Papiere der Jungens einzusammeln. Man gibt die Papiere ab und wenn man nicht schwer krank ist, muss man aus einem Topf eine Kugel ziehen. Es gibt drei Möglichkeiten: Eine Farbe, die sagt, dass man zum Militär muss, eine Farbe für die Polizei (die für Sicherheitsaufgaben zuständig ist) und eine Farbe, die einen vom Dienst befreit. Man ist mehr oder weniger gezwungen mitzumachen, da man nach Abschluss des 1,5 Jährigen Dienstes ein Dokument erhält und ausschließlich hiermit ist es möglich zu studieren oder einer legalen Arbeit nach zu gehen. Erscheint man nicht, bricht den Dienst ab o.a. bekommt man dieses Papier nicht, es sei denn man hat genügend Geld um sich eines zu kaufen. Außerdem kann man wenn man in eine Kontrolle gerät direkt einkassiert werden.

Konkret heißt das für die Arbeit der Ehrenamtler hier: In den Gruppen konkret darüber sprechen, warum man die Entscheidung trifft zum Militär zu gehen oder nicht (spielen die Eltern, Fam. eine wichtige Rolle ...). Außerdem Flugblätter verteilen, um überhaupt darauf aufmerksam zu machen, dass es (in Ihren Augen) nicht rechtmäßig ist.​­

Dies erzähl ich, damit ihr einen kleinen Einblick in die Arbeit des Netzwerkes bekommt.

Ich lerne im Moment mehr oder weniger regelmäßig Vormittags Spanisch und Nachmittags mache ich Verschiedenes. Schaue in Gruppen, Unterricht rein. Habe für einen kurzen Film des Red gestern und Vorgestern den Untertitel übersetzt und eingefügt...

Ich hoffe, dass viele von Euch den ganzen Text gelesen haben auch wenn er lang ist :)

Denk oft an Aachen! Liebe Grüße

Lukas

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