Freitag, 6. März 2009

Die zweite Halbzeit ist angepfiffen

Hallo…ich schaffe es einfach nicht, öfter als einmal im Monat zu schreiben…ich nehme es mir immer wieder vor, aber wenn ich dann schreibe stelle ich fest, es ist schon wieder nen Monat rum. Wenn ihr noch mehr Infos wollt, könnt ihr übrigens auch auf einen weiteren Blog von mir schauen, den ich für Concern und die Gesamtschule Brand mache. Sie haben eine AG die eine Partnerschaft zu Concern hat. Die Adresse: rincon-de-paz.blogspot.com.

Was ist also passiert im Monat Februar. Aufgehört habe ich ja mehr oder weniger mit der Reise, dem Zwischenseminar und dem letzten Besuch in Medellín. Die Arbeit, geht aber natürlich weiter, wenn auch immernoch schleppend aufgrund einiger Unklarheiten unserer Geldgeber: die Telefongesellschaft TELEFONICA. In den ersten Wochen im Proniño-Projekt ging es viel um Organisation und die Aktualisierung der sog. “línea base”, ein Dokument, in dem über alle Kinder die im Projekt drinsteht, wo sie wohnen bis hin zu der Wochenarbeitszeit und den Motiven der Arbeit (fast immer finanzielle Familiensituation). Das heisst ich bin mit meinem Kollegen Rubén, teils mit, teils ohne Laptop (gibt Ecken, da ists zu gefährlich), von Haus zu Haus gezogen, u malle Daten der Kinder durchzugehen. Bei über 90 Kindern dauert das ziemlich lange, ist aber auch sehr interessant, weil man so Einblick, in Wohnbereich und Familiensituation bekommt. Die meisten Leute sind inzwischen sehr offen, das anfängliche Misstrauen ist gewichen.

Diese Woche war hauptsächlich von dem Besuch der 2 Verantwortlichen für das Proniño-Projekt aus Bogotá geprägt. Mit diesen beiden “Tussis” sind wir von einem Termin zum nächsten gehetzt, um bei der Stadt mehr Gelder für die Bekämpfung der Kinderarbeit loszumachen. Meiner Meinung nach ist das alles ne riesen Show, und bei der Stiftung von Telefónica geht es nicht etwa darum wirklich die Kinderarbeit zu bekämpfen, sondern lediglich das Image der Firma zu verbessern, sprich sich ein besseres Bild zu kaufen. Sie machen nichts anderes als uns Geld zu geben. Wir machen die Arbeit, und Fotos immer schön mit telefónica Logo, so dass sich das Prima vermarkten lässt. Das wird unterstützt durch eben diese Vertreterinnen. 2 Damen, ziemlich aufgebrezelt, steigen im teuersten Hotel der ganzen Stadt ab (Mercure) und haben wahrscheinlich noch nichtmal nen Fuss in die Ecken gesetz, wo die Kinder wohnen… Dann treffen wir uns mit Bürgermeister, Amt für Sozialen Schutz etc. und sie fordern die Zusammenarbeit mit der Stadt, die bis dahin noch nix in dem Bereich auf die Beine gestellt hat. Die Stadt willigt ein und schon sind die grossen Wohltäter ausgemacht…der Staat und Telefónica…wir werden in der Regel nichtmal erwähnt. Ende der Geschichte ist, dass Telefónica die Gelder gekürzt hat, Daniel (mein Mitbewohner und Kollege) somit nicht weiterarbeiten wird, wir effektiv mehr Arbeit habe, weil sogar noch 300 Kinder mehr integriert werden sollen (mit den versprochenen geldern der Stadt haben wir aber nicht mehr Geld als vorher). Ich sitze also an dem Tisch und die Telefónica Tanten reden von wegen Bildung stärken, Familienerziehung fernsehen, PC und HANDY. Man müsse ja den Eltern klar machen, dass die Kinder kein Geld für Handys ausgeben sollen, sowieso haben die alle Handys usw. Dann frage ich mich was Telefonica will…auf der einen Seite riesen Werbekampagnen, um den Handyabsatz anzukurbeln, ganz klar auch die Zielgruppe der Kinder. Ein neues Handy, mit Kamera mp3 und allem und dann auf der anderen Seite von wegen sozialer Verantwortung der Firmen sprechen…das ich nicht lache. Kinderarbeit bekämpfen, aber es ist die Armut, an der die Grosskonzerne sicherlich mitschuld sind, oder? Warum arbeiten denn die Kinder….wohl nicht, weil die alle nach der Schule nix zu tun haben. Naja was hilft das Aufregen da…den Kindern tun unsere Aktionen meistens gut und deswegen hat alles eine kleine positive Seite.

Letzte Woche habe ich übrigens schonmal den Bürgermeister getroffen, als er hier im Barrio den neuen geteerten Sportplatz eingeweiht hat. (Fotos: www.chuchobotero.com. – glaube auf der zweiten oder dritten Seite).

Neben dem Projekt Proniño betreue ich die Jugendgruppe, die sich immer Donnerstags hier im barrio trifft und ab und zu mache ich auch was mit den Kids aus dem barrio (basteln, Sport und Spiel). Ab Ende März werde ich mit den Jugendlichen ein Kino (2 Mal die Woche) mit europäisch- und Lateinamerikanischen Filmen starten. Ausserdem habe ich seit Dienstag eine kleine Deutschlehrngruppe, immer Dienstags und Freitagsabends 2 Stunden…mal sehen, ob die das durchstehen ;)
Ich wohne immernoch in dem “Mängelhaus”…gewöhne mich aber dran. Mein Zimmer ist auch sehr gemütlich, von daher habe ich eine gute Rückzugsmöglichkeit. Mit meinen Mitbewohnern komme ich super klar und ich hoffe, dass wir zum April zusammen was andres finden.

Ein par Dinge, die mir eingefallen sind, als ich drüber nachgedacht habe, inwiefern meine Erwartungen und Vorstellungen von diesem Land erfüllt wurden und werden. Denn manchmal bin ich so erstaunt über gewisse Fragen oder Kommentare aus Deutschland…dann fällt mire in, dass ich vorher genau das gleiche gedacht habe und genauso überrascht gewesen wäre. Um was konkreter zu werden: Hier (in Kolumbien) gibt es Freibäder, Kunstrasenplätze, Museen, Bibliotheken, Paintballgelände, Go-kart Bahn, Flughäfen, 5 Sterne Hotels, Leute die viel verdienen, W-Lan, sprich alles was es bei uns auch gibt. Fast jede noch so arme Familie hat nen fernseher oder nen Handy und die meisten haben Strom und Wasser. Gut denkt man, denen gehts doch garnicht so schlecht. Wenn man dann aber sieht was es auch gibt: 14 Leute, die in 3 Zimmern wohnen (mit Fernseher), Kinder die X-Box (ein Videospiel für den Fernseher) spielen, und sich gleichzeitig zu4 ein Bett teilen und ne Plane als Dach haben. Familien denen der Strom und das Wasser abgedreht wird, weil sie kein Geld haben usw., dann merkt man, dass die materiellen Dinge nicht direkt alles über Armut aussagen. Man kann ein Handy haben und trotzdem hat man kein recht auf ne Gesundheitliche Mindestversorgung etc.
Auch in den Haushalten, denen es gut geht gibts nur die Sachen, die man wirklich braucht: Ich habe in dem halben Jahr genau einen Haushalt kennengelernt, in dem es einen Dosenöffner gab…das geht sehr gut mit dem Messer, wieso also das Geld verschwenden. Wasserkocher, Toaster etc. brauch man auch nicht. Das soll jetzt nicht heissen, schmeisst alle eure Wasserkocher weg, sondern vielmehr zeigen, dass wir das alles nur haben weil wir Geld haben, es aber eigentlich nicht brauchen  (Okay ich könnte nen Wasserkocher gut gebrauchen, weil wir immernoch kein Gas im Haus haben ) ;)

Ab und zu mache ich auchmal was, das mit alledem nichts zu tun hat. Dieses etwas heisst Salsa und hat seit ner guten Woche begonnen und ist…nicht leicht, aber macht Spass. Zumal die ja alle hier den Rythmus im Blut haben…wir werden sehen, ob es bei mir fruchtet und ob ich das weiterhin mache, aber ich wollte es wenigstens versucht haben.
Letztes Wochenende war ich zudem auf einem 15. Geburtstag eines Mädels hier aus dem Viertel. Der 15. Geburtstag ist für die Mädchen was sehr besonderes und wird riesig gefeiert. Ein gemieteter Raum, festlich geschmückt. Sie war bis zum Beginn der Feier nicht zu sehen. Dann haben 14 Männer (bzw. Jungs) ne Gasse gebildet, alle ne rote Rose in der Hand und sie schreitet die begleitet von ihrem Vater hindurch. Es beginnt mit einem kurzen WALZER (der kein Walzer war) mit jedem der Rosenträger. Danach ein weiterer Tanz mit dem Vater und anschliessend eine kurze Rede des Vaters. Dann zieht der Vater ihre Schuhe aus und zieht ihr elegante Hochhackige Schuhe an…das Zeichen, dass sie jetzt Erwachsen ist. Danach eröffnet sie das Tanzen mit einem Typ ihrer Wahl. Jetzt dürft ihr mal raten wer das war…natürlich der Ausländer… ;) Ich mit meinen holprigen Salsaschritten, hatte mich vorher schon als Rosen-Walzertänzer versuchen dürfen und war glaube ich der Schwarm der …Fünfzehnjährigen. Später war es auf jeden Fall eine sehr lustige Party, weil hier alle, egal ob 8 Jahre, 15, 20, 30 -70 tanzen.

Hierzu ein para Fotos (siehe der Link rechts)Ausserdem findet ihr Fotos von einigen “wichtigen Besprechungen” und im Kontrast Bilder von Familie, mit denen wir arbeiten. Ich hoffe ihr habt alles gelesen. Nehmt euch bitte Zeit…ich weiss es ist viel, aber kurzfassen ist schwer!
1000 Grüsse Lukas

2 Kommentare:

Janna hat gesagt…

Hallo lieber Lukas!

Ich habe mich sehr ueber deinen Anruf gefreut... es war echt schoen, nochmal deine Stimme zu hoern. Den Eintrag habe ich nun auch endlich lesen koennen- es ist wie gesagt nicht einfach mit dem Internet hier. Total interessant, wie vielseitig du dort arbeitest und vor allem, dass du so viel von Politischen Entscheidungen und der gesamten organisatorischen Seite mitbekommst- ganz schoen kompliziert alles...
Am Spannendsten finde ich immer die Bilder- so kann man sich alles viel besser vorstellen!
Cool, dass du Salsa lernst- dann koennen wir ja zuhause mal ne flotte Sohle auf Pakett legen. ;-)hehe...
Also, von mir habe ich ja eben schon ein wenig erzaehlt... ich denke, ich melde mich einfach bald mal bei dir auf dem Handy, wenn ich wieder aus dem Outback zurueck bin.
Ich druecke dich ganz, ganz fest!

Janna

Benni hat gesagt…

Hey großer Bruder,

ich finds super, immerwieder die Einblicke in so andre Gesellschaften zu bekommen. Vorallem durch deine humorvolle, aber auch ernsten Erklärungen ;)... bsp Salsa. Konntes mir bildlich vorstellen, wie der arme "Ausländer" von ner 15 Jährigen Kolumbianerin zum salsa aufgefordert wurde. Bei anderen Dingen kann man nur sprachlos sein, weils eigentlich unvorstellbar ist. Aber wie du schon sagst, es hat trotzdem einen Sinn sich für die Dinge einzusetzten!... Heute waren Mirijiam und Freddie hier, haben (leider ohne mich)mit Mama, Papa, Linus und Jhovany kaffegestüncht. jetzt konnten wir auch deine reichen Geschenke sehen!!! VOLL Super, vielen Dank, T-SHIRT Armband, Tasche und KAPPE sind einfach geiel ;)... einfach stilvoll. Nunja, ich bin immer froh von dir zu hören. Dicker Kuss und viele liebe Grüße (auch an die Salsaköniginnen)

dein Bruder Benni